Schule
Die 1886 eingeweihte Schule im späteren Ober-Röder Rathaus war bereits nach 14 Jahren zu klein. Deshalb baute man im Jahr 1900 ein neues Schulgebäude an der Trinkbrunnenstraße.
Das neue Schulhaus verfügte über sieben Räume, in denen 420 Kinder von der ersten bis zur fünften Klasse unterrichtet wurden. Die 16 evangelischen und drei jüdischen Kinder wurden in der Statistik gesondert aufgeführt. Die Klassenstärke lag bei rund 60 Schülern.
Die Großherzogliche Schulkommission in Dieburg hatte angeordnet, dass Jungen und Mädchen erst ab dem elften Lebensjahr getrennt unterrichtet werden durften. Dies stieß im katholisch-konservativen Ober-Roden auf breiten Widerstand bei Gemeinde- und Kirchenvertretern ebenso wie bei vielen Eltern. Der Konflikt führte dazu, dass die Einweihungsfeier zunächst ausfiel und erst nach der Erweiterung von 1909/1910 nachgeholt wurde, die mit 71 000 Reichsmark teurer war als der Neubau.
Der Unterricht konzentrierte sich auf elementare Fähigkeiten. Lesen, Schreiben und Rechnen bildeten den Kern des Lehrplans; hinzu kamen Religion, Heimatkunde sowie gelegentlich Singen oder Zeichnen. Der Unterrichtsstil war stark lehrerzentriert; Frontalunterricht dominierte, individuelles Fördern war aufgrund der Klassengröße kaum möglich. Disziplinarstrafen, einschließlich körperlicher Züchtigung, waren gesellschaftlich akzeptiert und Teil des schulischen Alltags.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderten sich die Lerninhalte in kurzer Zeit. Der Religionsunterricht wurde zurückgedrängt, dafür traten Fächer wie „Volks- und Rassenkunde“ in den Vordergrund. Lehrer, die nicht bereit waren, der NSDAP beizutreten, wurden schrittweise aus dem Schuldienst entfernt. Schüler wurden zum Eintritt ins Jungvolk gedrängt, und Lehrer mussten ab 1935 sogenannte „erbkranke“ Kinder erfassen.
Rosel und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder durften als jüdische Kinder ab 1936 nicht mehr in Ober-Roden zur Schule gehen.