Post, Rathaus, Bürgermeister
In der Dieburger Straße 14 betrieb die Familie Weber eine Metzgerei sowie das „Reichspostamt“. Das 1912 errichtete Gebäude gegenüber dem Rathaus besteht bis heute. Die Postfiliale Ober-Rodens war dort bis in die 1980er-Jahre untergebracht; heute befindet sich in dem Gebäude ein Mobilfunkladen.
Das Alte Rathaus von Ober-Roden wurde 1886 als staatliches Schulhaus am Standort eines ehemaligen Zehnthofes errichtet. Da das Gebäude für die rasch anwachsende Schülerschaft jedoch bereits nach 14 Jahren zu klein geworden war, wurde eine neue Schule an der Trinkbrunnenstraße gebaut. Das bisherige Schulhaus diente fortan als „Bürgermeisterei“ (Ober-Röderisch: „Boiemoasterei“). Zuvor war es üblich gewesen, dass die Bürgermeister ihre Amtsgeschäfte von zu Hause aus führten. 1975 wurde das heutige, größere Rathaus direkt an das alte Gebäude angebaut.
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war Ober-Roden stark katholisch geprägt. Diese Prägung beeinflusste religiöses Leben, Erziehung, Alltagskultur und politische Orientierung. Über Jahrzehnte dominierte das katholisch-konservative Zentrum, während die NSDAP bis 1933 nur eine untergeordnete Rolle spielte.
Auch bei den Reichstagswahlen 1932 erzielte das Zentrum hohe Stimmenanteile; die NSDAP blieb deutlich hinter Zentrum, SPD und KPD zurück. Selbst bei den Wahlen vom 5. März 1933, bereits unter massivem Druck, kam sie in Ober-Roden nur auf 16,6 %. Eine breite ideologische Zustimmung zum Nationalsozialismus lässt sich daraus nicht ableiten.
Nach der Machtübernahme setzte sich die nationalsozialistische Herrschaft dennoch rasch durch – nicht durch einen Meinungsumschwung, sondern durch Ausschaltung politischer Gegner und staatlichen Zwang. SPD und KPD wurden verfolgt, Parteien und Vereine aufgelöst oder gleichgeschaltet, das heißt, ihre Schlüsselpositionen wurden durch NSDAP-Mitglieder oder NSDAP-nahe Personen besetzt. Das Zentrum entzog sich einem Verbot durch Selbstauflösung; ab Sommer 1933 existierte keine legale politische Organisation mehr außer der NSDAP.
Offener Widerstand blieb aus, vor allem aus Angst vor Repression, sozialer Ausgrenzung und Gewalt. Die Kontrolle der Medien förderte Anpassung und Konformität. Elemente der NS-Ideologie wie Antikommunismus, Ordnungsvorstellungen und Autoritätsdenken trafen auf bestehende katholisch-konservative Mentalitäten und erleichterten passive Akzeptanz.
Der Gemeinderat wurde mit Nationalsozialisten oder der NSDAP genehmen Personen besetzt. Die den linken Parteien nahestehenden Kultur- und Sportvereine wurden in den folgenden Monaten aufgelöst, ihr Vermögen eingezogen. Bürgerliche Vereine bestanden formal weiter, wurden jedoch gleichgeschaltet: Ihre Führungen wurden auf politische Zuverlässigkeit überprüft und gegebenenfalls ersetzt.
Am 1. April 1933 wurde der Marktplatz in Adolf-Hitler-Platz umbenannt – ein symbolischer Akt, der die neue Machtordnung auch im öffentlichen Raum sichtbar machte.
Bürgermeister Köhl wurde aus dem Amt gedrängt und durch Nationalsozialisten ersetzt. Zunächst übernahm Otto Wörner das Bürgermeisteramt, damals 28-jähriger Sohn des Wirtes „Zum Schwanen“ und unmittelbarer Nachbar der jüdischen Familie Hecht. Seine Ernennung folgte weniger fachlichen Kriterien als parteipolitischem Opportunismus; aus Sicht der NSDAP galt er jedoch bald als nicht ausreichend linientreu.
Die wichtigste Machtposition im Ort lag zu dieser Zeit beim jeweiligen Ortsgruppenleiter der NSDAP. 1932 übernahm diese Funktion zunächst Georg Mayer, ein Lokführer im Ruhestand. Er hatte früh Sympathien für den Nationalsozialismus gezeigt und war katholisch, was ihn aus Sicht der Partei zu einem geeigneten Übergangskandidaten“ machte. Er war in der Ober-Röder Bevölkerung anerkannt und engagierte sich auch für Nicht-Parteimitglieder, was letztlich zu seiner Ablösung nach nur einem Jahr führte.
Sein Nachfolger wurde Joseph Moser aus Württemberg. 1936 drängte Moser Bürgermeister Wörner aus dem Amt und übernahm selbst die Bürgermeisterfunktion. Seine Amtsführung war von Beginn an problematisch; er galt fachlich wie menschlich als ungeeignet. Ihm wurden die Veruntreuung von Geldern des Winterhilfswerks und anderer Organisationen vorgeworfen. Zudem hatte er sich in der Bevölkerung nachhaltig diskreditiert, unter anderem durch sein Auftreten bei der Plünderung des jüdischen Schuhgeschäfts der Familie Kahn/Hecht, bei der er sich nach zeitgenössischen Berichten selbst Waren angeeignet haben soll.
Trotz dieser Vorwürfe wurde Moser 1939 ein repräsentatives Wohnhaus in der Babenhäuser Straße errichtet, was als Zeichen parteiinterner Protektion und persönlicher Bereicherung wahrgenommen wurde. Erst 1942 erklärte Moser auf Druck der Kreisleitung, die ihm eine „unordentliche Amtsführung“ vorwarf, seinen Rücktritt. Unmittelbar danach wurde er zur Organisation Todt eingezogen.
Die Nachfolge übernahm mit Leonhard Rebscher, aus dem Odenwald stammend, erneut ein überzeugter Nationalsozialist. Damit setzte sich die Praxis fort, zentrale kommunale Ämter nicht nach fachlicher Eignung, sondern nach politischer Zuverlässigkeit zu vergeben.