Kirche
In den Jahren 1894 bis 1896 wurde unter Pfarrer Dockendorff die alte Kirche St. Nazarius abgerissen und durch den heutigen imposanten neugotischen Neubau ersetzt. Auf dieses Bauwerk war man außerordentlich stolz; aufgrund seiner Größe erhielt es bald den Beinamen „Rodgau-Dom“.
Das gesellschaftliche und soziale Leben war in den 1920er- und 1930er-Jahren noch stark am Kirchenjahr orientiert. Die katholischen Feier- und Gedenktage – etwa Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam oder Erntedank – bildeten die Höhepunkte des Jahres und strukturierten den Alltag der Menschen.
Die Kirche war das kulturelle Zentrum des Dorfes. Sie begleitete die Menschen von der Taufe über die Hochzeit bis zur Beerdigung und bildete damit einen zentralen sozialen Anker für das Gemeinschaftsgefühl. Der Pfarrer galt als moralische Instanz; sein Wort von der Kanzel hatte großes Gewicht, und ihm offen zu widersprechen war gesellschaftlich kaum denkbar.
Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus geriet die katholische Kirche jedoch in ein schwer aufzulösendes Dilemma, das sie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs begleitete. Der Bolschewismus galt als einer der Hauptfeinde der Kirche, wodurch es in diesem Punkt eine ideologische Schnittmenge mit dem NS-Regime gab. Gleichzeitig standen die Zehn Gebote als zentraler Glaubensgrundsatz in fundamentalem Widerspruch zu den rassistischen Ideologien, der Gewaltbereitschaft und der Menschenverachtung der Nationalsozialisten. Umgekehrt vermied das Regime offene Angriffe auf die Kirche, da – insbesondere in ländlichen Gemeinden wie Ober-Roden – ein Großteil der Bevölkerung katholisch war.
Während die Gleichschaltung der Vereine zunächst weitgehend reibungslos verlief, kam es bald zu offenen Spannungen, etwa zwischen der Hitlerjugend und dem Katholischen Jungmännerverband. Eine Annäherung fand nicht statt; stattdessen kam es zu gegenseitigen Behinderungen, Schikanen und Konflikten.
Letztlich hing es vom persönlichen Mut einzelner Pfarrer, Bischöfe und kirchlicher Verantwortungsträger ab, wie weit sie bereit waren, sich dem Nationalsozialismus entgegenzustellen und der Bevölkerung moralischen Halt und Orientierung zu geben.