Kindheit in Ober-Roden in den 1930er-Jahren
Ober-Roden war ein überwiegend landwirtschaftlich geprägtes Dorf in Südhessen, in dem Gemeinschaft, Arbeit und Tradition den Alltag bestimmten. Für Kinder bedeutete dies ein Leben mit viel Verantwortung, aber auch mit festen Strukturen und einfachen Freuden.
Der Alltag begann für viele Kinder früh am Morgen. Vor dem Schulbesuch halfen sie im Haushalt; in landwirtschaftlichen Familien war die Mitarbeit selbstverständlich. Tiere mussten gefüttert, Wasser geholt oder kleinere Arbeiten auf dem Hof erledigt werden. Auch Kinder aus Handwerker- oder Arbeiterfamilien trugen ihren Teil bei, etwa durch Botengänge oder die Betreuung jüngerer Geschwister. Kindheit war daher weniger eine Phase der Unbeschwertheit als ein frühes Hineinwachsen in Pflichten.
Freizeitmöglichkeiten waren begrenzt. Spielzeug war selten und meist selbstgemacht. Die Kinder erfanden Spiele oder nutzten einfache Hilfsmittel wie Murmeln, Reifen oder Holzspielzeug. Gespielt wurde überwiegend draußen auf Straßen, Wiesen und Feldern; gegenseitige Besuche in den Elternhäusern waren eher unüblich. Wenn die Kirchenglocken um 18 Uhr zum Abend läuteten, hatte man zu Hause zu sein.
Die Rodau diente als Spiel- und Planschort. Ein beliebter Treffpunkt war der Feldrand an der Babenhäuser Straße auf Höhe der Borngartenstraße, wo Bauern ihre Heuballen lagerten. Für die Kinder war dies ein willkommener Spielplatz, für die Bauern hingegen ein Ärgernis.
Die politischen Veränderungen der 1930er-Jahre blieben auch in Ober-Roden nicht ohne Einfluss. Mit der zunehmenden Durchdringung des Alltags durch nationalsozialistische Organisationen wurden Kinder früh ideologisch geprägt. Mitgliedschaften in Jugendorganisationen wurden immer selbstverständlicher; Schule und Freizeit erhielten zunehmend eine politische Färbung. Für viele Kinder war dies weniger eine bewusste politische Erfahrung als Teil eines von Erwachsenen vorgegebenen Alltags.