Wegmarken

Entlang des ca. 750 Meter langen Weges, den Rosel zum letzten Mal im Oktober 1937 an der Hand ihrer Mutter von ihrem Elternhaus zum Bahnhof Ober-Roden ging, sind 12 Wegmarken angebracht, die mit Fotos und Informationen auf den jeweils historischen Ort verweisen. Somit kann man mit den Augen der damals elfjährigen Rosel auf das Ober-Roden der 1930er Jahre schauen.

Elternhaus, Nachbarn

Marktplatz

Waren, Dienstleistungen

Frankfurter Straße 7

Strom. Wasser, Telefon, Radio

Frankfurter Straße 10

Kirche

Frankfurter Straße 10

Feste und Vereinsleben

Frankfurter Straße 1

Kinnerschul

Dieburger Straße 1

Rathaus

Dieburger Straße 13

Schule

Rathausplatz

Kindheit

Dieburger Straße

Arzt und Apotheke

Dieburger Straße 26

Beruf und Eisenbahn

Dieburger Straße 33

Feldarbeit und Faselstall

Bahnschranke

Rosels Tagebuch

Das auf historischer Recherche beruhende fiktive Tagebuch von Rosel, verfilmt in 25 Szenen, erzählt ihre Zeit nach dem sie Ober-Roden verlassen hat. Bitte auf das jeweilige Datum klicken, um den entsprechenden Tagebucheintrag anzuschauen.

08. Nov 1941

08. Nov 1941

Erster Eintrag
08. Nov 1941

08. Nov 1941

Zweiter Eintrag
08. Nov 1941

08. Nov 1941

Dritter Eintrag
08. Nov 1941

08. Nov 1941

Vierter Eintrag
11. Nov 1941

11. Nov 1941

Erster Eintrag
11. Nov 1941

11. Nov 1941

Zweiter Eintrag
11. Nov 1941

11. Nov 1941

Dritter Eintrag
11. Nov 1941

11. Nov 1941

Vierter Eintrag
14. Nov 1941

14. Nov 1941

15. Nov 1941

15. Nov 1941

16. Nov 1941

16. Nov 1941

17. Nov 1941

17. Nov 1941

Erster Eintrag
17. Nov 1941

17. Nov 1941

Zweiter Eintrag
25. Nov 1941

25. Nov 1941

12. März 1942

12. März 1942

Erster Eintrag
12. März 1942

12. März 1942

Zweiter Eintrag
13. März 1942

13. März 1942

25. Juni 1942

25. Juni 1942

16. Juli 1942

16. Juli 1942

17. Juli 1942

17. Juli 1942

19. Okt 1942

19. Okt 1942

Erster Eintrag
19. Okt 1942

19. Okt 1942

Zweiter Eintrag
19. Okt 1942

19. Okt 1942

Dritter Eintrag
08. Nov 1942

08. Nov 1942

09. Nov 1942

09. Nov 1942

Rosels Biografie in Ober-Roden

 
 
 
 
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Kindheit und Herkunft

Am 08.11.1925 wurde Rosa, genannt Rosel, als erstes Kind von Berta Kahn und Salomon Hecht in Ober-Roden im elterlichen Wohnhaus mit Schuhgeschäft geboren. Rosels Mutter Berta war damals 26 Jahre alt. Warum sie zum Zeitpunkt von Rosels Geburt nicht mit Salomon Hecht verheiratet war, wissen wir nicht. Die Eheschließung erfolgte erst im September 1926.

Ober-Roden hatte im Jahr 1925 etwas über 3000 Einwohner, die sich auf ca. 400 Wohngebäude verteilten. Das sind ungefähr 7-8 Personen pro Haus, in der Regel waren das Vater, Mutter, 2-4 Kinder sowie 1-2 Personen der Großelterngeneration, eine ledige Tante etc. So war das auch bei der Familie Kahn/Hecht. Bertas Mutter Frieda betrieb zusammen mit ihrem Sohn Ludwig ein Schuhgeschäft in der Frankfurter Str. 17. Man betrat den Laden von der Hauptstraße aus, indem man zuerst eine kleine Stufe hoch und dann eine größere Stufe hinunter in den kleinen Verkaufsraum mit Tresen gelangte. Beim Öffnen der Tür erklang ein Glöckchen und Frau Kahn oder ihre Tochter kamen aus der nach hinten gelegenen Wohnküche, um die Kundschaft zu bedienen. Zwischen Laden und Küche ging eine Treppe in das obere Stockwerk mit vier kleinen Zimmern für Großmutter Frieda Kahn, zeitweise Onkel Ludwig Kahn, die Eheleute Berta und Salomon Hecht und die Kinder Rosel und ab 1927 auch ihren Bruder Jakob, genannt Jaky.

1927 bezog Bertas Bruder Ludwig Kahn eine kleine Hofreite in der Friedrich-Ebert-Straße und das Schuhgeschäft ging auf Berta Hecht über, das sie fortan gemeinsam mit ihrer Mutter führte.

Wirtschaftliche Lage und Alltag in Ober-Roden

Die Jahre 1925–1930 waren von zunehmender Armut geprägt. Innerhalb dieser 5 Jahre lässt sich ein Rückgang der Beschäftigungszahlen um 37% feststellen. Ca. jeder 10. Einwohner Ober-Rodens war auf Erwerbslosenfürsorge angewiesen. Im Jahr 1930 schlossen die Hutstoffwerke Bloch, Hirsch und F.C. Donner ihre Pforten und verlegten den Betrieb nach Antwerpen. In ihren guten Zeiten hatte die Firma 250-300 Mitarbeiter beschäftigt – der Großteil (ca. 90%) waren Frauen, die zum kärglichen Lohn ihrer Männer als „Schnipplerinnen“ noch etwas dazu verdienen konnten.

Die meisten Familien hatten ein oder mehrere Stücke Land, auf denen sie Kartoffeln, Gemüse und Obst anbauten. Neben Hühnern und Ziegen hielten manche Familien auch ein Schwein, das die Küchenabfälle verwerten konnte. Die gesamte Familie, auch die Kinder, mussten bei der Feldarbeit mithelfen. Obst, Gemüse und Viehfutter wurden selbst angebaut. Die Hechts besaßen 2 Äcker, jeweils ca. 1,5 km entfernt und ein Gartengrundstück, ca. 5 min. vom Wohnhaus entfernt.

Versorgung und Nachbarschaft

Nur das Nötigste wie Fleisch und Brot wurde eingekauft. Fast in jedem Haus auf der Hauptstraße befand sich ein kleiner Laden oder eine Gaststätte, meist mit angegliederter Metzgerei. Allein im engsten Umkreis der Hechts waren 4 Gaststätten und drei Metzgereien ansässig – u.a die schräg gegenüber gelegenen Metzgerei Karl Schrod, aus der Rosels Freundin Else Faust stammte.

Berta Hecht war dafür bekannt, dass man bei ihr ein dringend benötigtes Paar Schuhe „abstottern“ konnte.

Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise

Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 verschärfte sich die Lage noch einmal. Der Staat versuchte mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Notstandsarbeiten die Misere einzudämmen, was aber erst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mit diversen Bau- und Rüstungsprojekten zu einer spürbaren Verbesserung für die Bevölkerung führte.

Kindergarten und frühe Erziehung

Da die Mütter tagsüber stark in das Erwerbsleben, sei es im eigenen Laden oder auf dem Acker eingespannt waren, gingen die meisten Kinder in die von den Schwestern der der Göttlichen Vorsehung betriebenen Kindergarten. Auch Rosel und Jaky besuchten von 1929 an die Kinnerschul im sog. Schwesternhaus gegenüber der Katholischen Kirche. Strengen Erziehungsmethoden wie „an-Stuhl-festbinden“ oder den „Mund mit Fliegenfängerband zukleben“ um den Kindern Zucht und Ordnung beizubringen, waren an der Tagesordnung.

Schulzeit in Ober-Roden

Im April 1932 wurde Rosel eingeschult. Zusammen mit ihrer Freundin Else besuchte sie die gemischte Klasse der Volksschule Ober-Roden, heute die Trinkbornschule. Bis zum 11. Lebensjahr wurden Mädchen und Jungs gemeinsam unterrichtet, was im katholisch-konservativen Ober-Roden auf vielfachen Unmut stieß.

Der Unterricht konzentrierte sich auf elementare Fähigkeiten. Lesen, Schreiben und Rechnen bildeten den Kern des Lehrplans; hinzu kamen Religion, Heimatkunde sowie gelegentlich Singen oder Zeichnen. Der Unterrichtsstil war stark lehrerzentriert. Frontalunterricht dominierte, individuelles Fördern war aufgrund der Klassengröße kaum möglich. Disziplinarstrafen, einschließlich körperlicher Züchtigung, waren gesellschaftlich akzeptiert und Teil des schulischen Alltags.

Veränderungen durch den Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderten sich die Lerninhalte in kurzer Zeit. Der Religionsunterricht wurde zurückgedrängt, dafür traten Fächer wie „Volks- und Rassenkunde“ in den Vordergrund. Lehrer, die nicht bereit waren, der NSDAP beizutreten, wurden schrittweise aus dem Schuldienst entfernt. Schüler wurden zum Eintritt ins Jungvolk gedrängt, und Lehrer mussten ab 1935 sogenannte „erbkranke“ Kinder in Listen erfassen.

Ausgrenzung und Schulwechsel

Mit dem „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“, das besagte, dass höchsten 1,5 % der Schüler einer Schule nichtarisch sein durften, stand Rosel seit 1933, also bereits ab der 2. Klasse, „unter Beobachtung“. Dass sie überhaupt bis Mitte 1937 in Ober-Roden unterrichtet wurde, ist verwunderlich. Ihren jüngeren Bruder Jaky hatte die Mutter bereit ein Jahr zuvor nach Frankfurt in das Israelitische Waisenhaus gebracht, damit er dort ungestört die Schule besuchen konnte. Vorher hatte es vereinzelte Übergriffe von Schülern gegen Jaky wie Beschimpfen oder Bespucken gegeben. Die meisten Lehrer haben sich sehr schnell auf die neuen politischen Verhältnisse eingestellt und sind dem Nationalsozialistischen Lehrerbund beigetreten (NSLB). Die Vermittlung der „nationalsozialistischen Weltanschauung und Staatsgesinnung“ stand im Mittelpunkt des Unterrichts, der von der Reichsregierung gesteuert wurde.

Ab dem 2. Halbjahr 1937 wechselte auch Rosel dann nach Frankfurt und ging ins Philantropin, der von der Israelitischen Gemeinde betriebenen Schule.

Gesellschaftlicher Wandel im Ort

Spätestens ab 1935 hatten die NS-Organisationen das komplette kulturelle und soziale Leben auch im ländlichen katholisch geprägten Ober-Roden straff organisiert. Die Kinder und Jugendlichen waren im BdM und der HJ integriert, die Vereine, egal ob Musik-, Sport- oder sonstige traten bei Festen oder Jubiläen mehr und mehr mit militärischer Ausrichtung auf. Das Nationalsozialistische Fliegerkorps richtete Werbeveranstaltungen auf dem Marktplatz aus.

Familiäre Einschnitte

Rosels Bruder Ludwig wanderte 1935, nachdem er zuvor von SA-Horden nach einem Handballspiel bis in seine Hofreite verfolgt und zusammengeschlagen worden war, nach Palästina aus. Etwa zur gleichen Zeit verließ auch Rosels Vater die Familie. Die Ehe der Hechts galt als „nicht glücklich“, was den genauen Grund und Zeitpunkt des Verschwindens von Salomon Hecht darstellte, wissen wir nicht, auch nicht, ob er in seinen tschechischen Heimatort Stargov zurück gegangen ist. Seine Spur verliert sich und Berta war von nun an mit ihrer Mutter und den beiden Kindern auf sich alleine gestellt.

Zunehmende Verfolgung und Ausgrenzung

Spätestens nach den Olympischen Spielen 1936 lief alles auf die unweigerliche totale Entrechtung des Judentums in Deutschland hin – wirtschaftlich wie physisch. Auch in Ober-Roden wurde immer deutlicher öffentlich gegen die Familie Kahn/Hecht gehetzt, nicht nur seitens der SA, sondern auch von „normalen“ Mitbürgern. Mehrfach gab es Schmierereien am Schuhgeschäft und öffentliche Boykottaufrufe, nicht mehr dort einzukaufen.

Rosels Biografie in Frankfurt

 
 
 
 
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Ankunft in Frankfurt

Im Oktober 1937 – kurz vor ihrem zwölften Geburtstag – ging Rosel an der Hand ihrer Mutter von ihrem Elternhaus am Marktplatz, in dem sie seit ihrer Geburt gelebt hatte, zum Bahnhof. Es war höchstwahrscheinlich das letzte Mal, dass sie sich in Ober-Roden aufhielt.

Ihre Mutter brachte sie nach Frankfurt ins Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge in der Hans-Thoma-Straße 24 in Sachsenhausen. Der ursprüngliche Zweck dieses Kinderhauses bestand darin, bedürftigen jüdischen Kindern kostenlos oder gegen ein geringes Entgelt Obhut, Verpflegung und Erziehung zu gewähren.

Als Rosel dort ankam, war das Heim mit 50 Kindern vollständig belegt. In den folgenden Jahren musste man immer enger zusammenrücken, da zunehmend verzweifelte Eltern aus ländlichen Gegenden ihre Kinder in der Anonymität der Großstadt vermeintlich „sicherer“ unterbringen wollten oder selbst keine Existenzgrundlage mehr hatten. Zeitweise stieg die Zahl der untergebrachten Kinder auf bis zu 100 an. Die Leiterin des Heims, Oberin Frida Amram, bemühte sich nach Kräften, die prekäre Versorgungslage zu bewältigen und den Kindern dennoch ein halbwegs behütetes Leben in der Villa und dem rückwärtig gelegenen Garten zu ermöglichen.

Schulbesuch in Frankfurt

Ab dem zweiten Schulhalbjahr 1937 besuchte Rosel das Philantropin, die von der Israelitischen Gemeinde getragene Schule in der Hebelstraße im Frankfurter Nordend. Der Unterricht begann um 7:30 Uhr; der Schulweg wurde gemeinsam zu Fuß zurückgelegt – über den Eisernen Steg betrug die Gehzeit immerhin rund 40 Minuten. In den Ferien bestand zeitweise noch die Möglichkeit, ins Landschulheim zu fahren, das Haus Rosenthal in Bad Schwalbach.

In ihren ersten Frankfurter Jahren konnte Rosel mit den anderen Heimkindern noch Konzerte besuchen oder ins Theater gehen. Im Sommer fuhren sie ins Licht- und Luftbad Niederrad – die letzte Möglichkeit für Juden, schwimmen zu gehen. Ab 1938 wurde es jedoch zunehmend schwieriger, sich im öffentlichen Raum zu bewegen. Das meiste war für Juden verboten, sodass man sich immer mehr auf den Kreis der eigenen Gemeinschaft beschränkte.

Jüdisches Leben und Feste im Kinderheim

Der Sabbat wurde gemeinsam begangen. Auch die traditionellen jüdischen Feste feierte man im Kinderheim: An Purim durften sich die Kinder verkleiden, der Sederabend zu Pessach wurde begangen, ebenso Rosch ha-Schana, das jüdische Neujahrsfest im Oktober.

Schulabschluss und Ausbildung

Ob Rosel ihre Schulzeit vollständig abschließen konnte – sie umfasste damals acht Jahre –, wissen wir nicht. Regulär hätte ihre Schulzeit im April 1940 geendet. Die jüdische Gemeinde Frankfurt musste das Philantropin jedoch bereits 1939zu einem geringen Preis an die Stadt Frankfurt verkaufen. Der Volksschulbereich, dem Rosel angehörte, konnte allerdings noch für einige Zeit weitergeführt werden.

Wir gehen davon aus, dass Rosel nach ihrer Schulzeit eine Ausbildung als Schwesternschülerin beziehungsweise Kinderpflegerin erhielt. Dass dies ihrem freien Berufswunsch entsprach, ist jedoch unwahrscheinlich. Vielmehr handelte es sich nahezu um die einzige berufliche Möglichkeit, die jüdischen Mädchen zu dieser Zeit noch offenstand, da es keine Ausbildungsbetriebe mehr gab, die Juden beschäftigen durften.

Aufenthalte in Kinderhaus und Judenhaus

Sicher ist, dass Rosel Ende 1939 noch im Kinderhaus in der Hans-Thoma-Straße lebte. Irgendwann im Laufe des Jahres 1940 muss sie in das Jüdische Altersheim in der Wöhlerstraße 6 umgezogen sein. Ob sie dort als Schwester oder Betreuerin tätig war oder ob ihr diese Adresse lediglich zugewiesen wurde, ist nicht bekannt. Das Altersheim wurde ab 1940 als sogenanntes Judenhaus genutzt, in dem jüdische Einwohner untergebracht wurden, die für den Abtransport vorgesehen waren.

Ihre Mutter Berta lebte ab Ende 1940 im Judenhaus in der Obermainanlage 24. Wie häufig sich Mutter und Tochter in dieser Zeit sehen konnten, wissen wir nicht.

Deportationsaufforderung (1941)

Am 10. November 1941 hatten sich sowohl Rosel als auch Berta in der Großmarkthalle einzufinden. Die Aufforderung dazu erhielten sie zwei Tage zuvor – an Rosels 16. Geburtstag.

Rosels Biografie in Minsk

 
 
 
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Deportation von Frankfurt nach Minsk

Die Deportation von Frankfurt nach Minsk im besetzten Weißrussland war der zweite Transport, der die Stadt verließ. Jakob Sprenger, Gauleiter von Hessen-Nassau, verfolgte das Ziel, seinen Gau und insbesondere Frankfurt, schnellstmöglich “judenfrei” zu machen. Der Transport fand weniger als einem Monat nach dem ersten statt, mit dem Juden aus Frankfurt in das besetzte Polen verschleppt worden waren.

Den Deportationszug hatte das Reichssicherheits-Hauptamt (RSHA) ursprünglich für den 3. November 1941 bei der Deutschen Reichsbahn angefordert, die ihn unter “Da 53” registrierte. Es handelte sich dabei nicht – wie oft angenommen – um Viehwagons, sondern um aus dem 19. Jahrhundert stammende Abteilwagen der 3. Klasse.

Dass der Zug erst mit acht Tagen Verzögerung in Frankfurt bereitgestellt werden konnte, lässt sich darauf zurückführen, dass die deutsche Rüstungsindustrie Widerspruch gegen den Abzug ihrer jüdischen Zwangsarbeiter eingelegt hatte. Am 11. November 1941 traf schließlich der Leerzug “LpDa 125” aus Lodz in Frankfurt ein, mit dem zuvor wahrscheinlich Roma aus dem Burgenland (Ostösterreich) transportiert worden waren. Dieser Zug wurde dann am Morgen des 12. November 1941 für die Deportation von über 1.000 Juden aus Frankfurt nach Minsk benutzt.

Eine Kopie der Deportationsliste, die nach 1945 in Frankfurts Polizeipräsidium gefunden und von der US-Militärregierung sichergestellt wurde, nennt 1.052 Juden aus Frankfurt (eine andere Liste gibt 1.042 an), vor allem Familien und mehrere Kinder, aber auch einige ältere Personen. Die Namen von Rosel und ihrer Mutter Berta Hecht finden sich auf der Liste.

Reise und Ankunft in Minsk

Einer der wenigen Überlebenden dieses Transports beschreibt die Situation in der Sammelstelle unter der Großmarkthalle als “Hölle […] die ganze Nacht Untersuchungen, Schreie und Schikanen ohne Ende”.

Der Zug verließ Frankfurt in den frühen Morgenstunden des 12. November und fuhr über Berlin, Warschau, Bialystok, Volkovysk und Baranovichi nach Minsk. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Deportierten in Minsk am 17. November 1941 angekommen sind, wenige Tage nach der Ankunft von Transporten aus Hamburg und Düsseldorf.

Die Menschen im Zug litten unter schlimmem Durst und viele sind bereits während der Fahrt gestorben. Nach sechs Tagen kam der Zug im Bahnhof Minsk an. Deutsche und lettische SS-Männer holten die Männer, Frauen und Kinder aus Frankfurt brutal aus dem Zug und ließen sie durch das zerstörte Minsk in einen mit Stacheldraht umschlossenen Abschnitt des Ghettos laufen.

Leben im Ghetto Minsk

Am 7. November 1941 waren 6.624 Weißrussische Juden erschossen und das freigewordene Gebiet in das Sonderghetto I umfunktioniert worden. Hier wurden die Frankfurter Juden, zusammen mit den Deportierten aus Hamburg und Düsseldorf eingesperrt. Bis zu vier Familien mussten sich eine kleine Holzhütte teilen. Die neuen Ghettobewohner waren mit den Leichen konfrontiert, die sie als erstes wegräumen mussten.

Die Lebensbedingungen im Ghetto Minsk waren von Krankheit, Hunger, extremer Kälte, Zwangsarbeit, dem Transfer in Konzentrationslager sowie durch sich wiederholende “Aktionen”, auch in Gaswagen, geprägt. Wer nicht arbeiten konnte, wurde erschossen. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort innerhalb des Ghettos war, wurde erschossen.

Wer nicht erschossen wurde, verhungerte. Die Tagesration betrug 200 Gramm Brot pro Tag. Arbeiter in den Fabriken bekamen mittags eine dicke Suppe. Nach und nach formierte sich im Ghetto Widerstand. Man versuchte, so viele Menschen wie möglich hinauszuschleusen – bei Arbeitseinsätzen oder anderen Aktionen, die außerhalb des Lagers stattfanden.

Wer es aus dem Ghetto herausgeschafft hatte, versuchte, sich in die dichten Wälder um Minsk herum zu schlagen und sich einer Partisanengruppe anzuschließen. Wir könnten hoffen, dass Rosel das geschafft hat und noch einige Zeit „in Freiheit“ gelebt hat. Aber wahrscheinlich ist es nicht.

Maly Trostinec

Ab April 1942, als immer mehr Transporte in Minsk eintrafen und im Ghetto kein Platz mehr für die vielen Menschen war, wurde als „Ausweich“ die Vernichtungsstätte Maly Trostinec, ca. 12 Kilometer südöstlich von Minsk, geschaffen.

Zuerst wurden aus jedem ankommenden Transport noch einige arbeitsfähige Personen ausgesondert und ins Ghetto Minsk gebracht. Alle anderen wurden direkt vom Bahnhof mit Lastwagen zum Exekutionsort gefahren. Später fuhren die Züge direkt nach Maly Trostinec, ohne erst in Minsk zu halten. Die Ankommenden mussten ihre Wertsachen ablegen, sich ausziehen, und wurden zum nahe gelegenen Wald getrieben. Dort wurden vor jedem neuen Transport jeweils Gruben von 60 Metern Länge und 3 Metern Tiefe ausgehoben. Die Menschen mussten sich nackt am Rand der Grube aufstellen und hineingestoßen werden, kleine Kinder wurden direkt hineingeworfen.

80 Schutzpolizisten und Angehörige der Waffen-SS waren für die Erschießung der jeweils ca. 1.000 Neuankömmlinge verantwortlich. Aus Lautsprechern dröhnten während der Exekutionen deutsche Schlager wie „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei – auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai“.

Spätestens ab Juni 1942 setzten die Täter zusätzlich Gaswagen ein, um die Massenmorde effizienter zu gestalten und die Psyche der Exekutionskommandos zu schonen. Zwischen 1942 und 1944 wurden in Maly Trostinec schätzungsweise 40.000 bis 60.000 Menschen ermordet, überwiegend Juden, aber auch sowjetische Kriegsgefangene und als Partisanen verdächtigte Personen.

Ab dem 27. Oktober 1943 begann das Sonderkommando 1005-Mitte mit der systematischen Beseitigung der Spuren der Verbrechen. Die Leichen wurden durch russische Gefangene wieder ausgegraben und auf Scheiterhaufen verbrannt, Asche und Überreste nach Wertgegenständen durchsucht. Mitte Dezember 1943 wurde die Spurenverwischung abgeschlossen; anschließend ermordeten die Täter auch die Zwangsarbeiter und verbrannten ihre Leichen.

Zum Projekt und den Initiatoren

Rosels Weg erzählt die Geschichte der Entrechtung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung anhand des Lebens der Ober-Röderin Rosel Hecht. Mit 11 kam sie nach Frankfurt ins Kinderheim, 1941 wurde sie nach Minsk deportiert und vermutlich in Maly Trostinec ermordet. Das Projekt macht Geschichte emotional erfahrbar und verweist auch auf heutige Fluchtgeschichten. Eisenbahnfahrten markieren Wendepunkte: die „kleine Reise“ 1936 nach Frankfurt, die „große Reise“ 1941 nach Minsk; ihr Bruder Jakob entkam per Kindertransport. Neue Recherchen sollen Lücken schließen, besonders zu Rosels Frankfurter Jahren. Entlang der 750 Meter vom Elternhaus bis zum Bahnhof vermitteln Tafeln Orte ihres Alltags und ihres Ausschlusses. Aus fiktiven Tagebucheinträgen entstehen Instagram-Reels und ein Podcast für Unterricht und Öffentlichkeit. Zum 100. Geburtstag 2025 gab es eine Gedenkfeier; 2026 folgte eine Open-Air-Performance auf dem Weg, den die damals 11jährige Rosel an der Hand ihrer Mutter von ihrem Elternhaus zum Bahnhof gegangen ist. Eine Aufzeichnung kann hier angesehen werden.

MemoRails

MemoRails ist ein Drittmittelprogramm des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und der Stiftung EVZ. Es richtet sich an zivilgesellschaftliche Initiativen in Deutschland, die auf kreative und zeitgemäße Art und Weise an die Verbrechen des NS-Regimes und ihre Folgen an Bahnhöfen in Deutschland erinnern. Zur Website

Initiative Stolpersteine Rödermark

Die „Initiative Stolpersteine in Rödermark“ wurde 2013 von Norbert Cobabus, Christiane Murmann und Oliver Nedelmann ins Leben gerufen, um 6 Stolpersteine an der Frankfurter Straße 17 in Ober-Roden zu verlegen. Dort hatte bis in die 1930er Jahre die Familie Kahn/Hecht ein Schuhgeschäft betrieben. Nur Ludwig Kahn und Jaky Hecht haben den Holocaust überlebt, indem sie nach Palästina fliehen konnten. Im Jahr 2015 erfolgte die Verlegung von 17 Stolpersteinen in Urberach. Seitdem ist die „Initiative Stolpersteine in Rödermark“ fester Bestandteil, bzw. Initiatorin diverser Projekte im Rahmen der Erinnerungskultur in Rödermark. Zur Website

Rödermarkfreunde e.V.

Der Verein Rödermarkfreunde wurde 2023 zur Förderung von Kunst und Kultur gegründet. Er verbindet moderne Brauchtumspflege mit Hochkultur: Kurzfilmabende 2023, 2024 und 2025 sowie eine Videokunstinstallation zur Ausstellung „75 Jahre Grundgesetz“ stehen selbstverständlich neben einem Cocktailstand auf der Kerb. Damit erreicht der Verein ein breites, besonders junges Publikum. Weitere Projekte sind das Film-Theater-Comedy-Musik-Spektakel zu „750 Jahre Urberach“, sowie das Theaterstück „eine heiße Geschichte“. Zur Website

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